Ein Hauch Périgord in Zürich: French Brunch

Essen wie im kulinarischen Herzstück Frankreichs, das bietet das Bistro Le Puy in Zürich. Das ist einer der Gründe, warum der werte verfressene hier Schreibende das Lokal zu seinem erweiterten Wohnzimmer gemacht hat.

Confit

Auch wenn dieses Geständnis zu Beginn eines Kulinarikblogs überraschen mag, ich bin Atheist. Das Glauben fällt mir genauso schwer, wie ich dieses als keine Bereicherung meines Lebens empfinde. Warum ich das hier schreibe? Weil es kleinere Ausnahmen gibt, die das Leben letztlich in seiner Inkonsequenz so wunderbar machen. Die einzigen Gottesbeweise, die ich akzeptieren kann, sind ausschliesslich kulinarischer Natur. Wenn ich essen kann, wie Gott in Frankreich, dann glaube ich tatsächlich an so was wie eine transzendente ordnende Macht mit feinem Gaumen und gutem Geschmack. Das tue ich jeweils im Bistro Le Puy an der Forchstrasse 211 in Zürich.

Bitte gedulden Sie Sich, lieber an Kulinarik interessierter Leser, noch ein kleines bisschen. Die mundwasserzusammenlaufenlassenden Beschreibungen der dortigen Köstlichkeiten folgen bald. Erst muss ich noch die Sache mit dem Glauben zu Ende erklären. Genau so wenig wie an einen überirdischen Gott glaube ich nämlich, dass Aufenthalte in Räumen mit einer Vielzahl fremder Menschen mein Wohlbefinden zu steigern vermögen. Ich verachte Gastronomen, die ihre Lokale mit Tischen und Stühlen so vollpferchen, dass ich aus gefühlten 340 Grad von Tischnachbarn vollgeatmet werde. Ich kann nicht an eine Küche glauben, die Menschen in solchem Ambiente verköstigen will. Sinnlichkeit braucht Raum. Diesen finde ich im Le Puy.

Totale

Eines der wenigen Dinge, an das ich wirklich glauben mag, ist Freundschaft. Und auch diese pflege ich mittlerweile seit Jahren in betreffendem Bistro an der Forchstrasse. Sofern es die Terminplanung zulässt, findet sich mein Freundeskreis jeden Samstag Morgen zum Brunch im Le Puy ein. Seit Jahren ist der gleiche Tisch für uns reserviert und die beiden wunderbaren Betreiber Martina Zingg und Georg Linsi wissen genau, was jeder von uns bestellt. Latte Macchiato und Orangensaft finden ohne Worte ihren Weg zu mir. Womit ich mich auch als «Meitli-Kaffee»-Trinker geoutet habe. In der wunderbaren 80er-Jahre-Sitcom «Cheers» heisst es im Titelsong so schön „sometimes you wanna go, where everybody knows your name…“, dass dem tatsächlich so sein kann, das erlebe ich in Zürich nur an diesem einen Ort. Und dafür bin ich dankbar.

Was Gastronomie letztlich aussergewöhnlich macht, das ist die Wertschätzung, die Gastwirte auch in die kleinen Dinge setzen. Ein Ambiente, das Atmen zulässt, fantastische Produkte, Freundlichkeit im Service. Diese Wertschätzung finde ich im Le Puy vor allem in der Feinkost. In der Epicerie fine findet sich ein ausgesuchtes Käse- und Fleischsortiment aus Frankreich und von regionalen Produzenten. Wo immer möglich wird hier beim Erzeuger direkt eingekauft. Die Transportwege sollen kurz und nachvollziehbar sein. Dazu kommen Spezialitäten wie Terrinen, Confits, Nougat und natürlich auch die namensgebenden Puy-Linsen aus Frankreich. Abgerundet wird das Sortiment mit Gourmetkaffee, Tee und Kolonialwaren wie Konfitüren, Honig, Senf, Olivenöl und spezielle Süssigkeiten. Herausragend ist die hausgemachte Patisserie, produziert vom «Chef patissier» Georg Linsi. Die Eclairs sind ein Gedicht, sehr zu empfehlen ist auch die Tarte tatin.

TARTEFINAL

Wie bereits erwähnt, kommen wir vor allem Samstags um zu brunchen. Ich persönlich starte mit Rührei und Schinken, später gönn ich mir ein Brotkorb mit Croissants, frischem Zopf und Baguettes. Meine Freunde ergänzen das Frühstück oft mit einem Bio Nature Joghurt mit Fruchtpulpe und Knabbermüesli, welches jeweils zu ekstatischem Gestöhne führt. Einer meiner ältesten Weggefährten mag es lieber noch währschafter und gönnt sich dazu noch ein Sortiment von Käse und Aufschnitt aus dem Zürcher Oberland. Das alles mag nicht spektakulär klingen, aber genau diese einfachen Produkte von herrausragender Qualität machen den kleinen, feinen Unterschied aus.

Eines meiner Lieblingsprodukte im Le Puy ist der Bergsalsiz vom Alpen-Hirt. Dieser wird inklusive Bild und Lebenslauf der genutzten Kuh geliefert. Wenn ich Fleisch esse, will ich mir auch bewusst sein, dass dafür ein Tier sein Leben lassen musste. Da isst die Konsequenz mit. Auf der Menükarte sind übrigens alle Produkte hinsichtlich ihrer Herkunft exakt deklariert.

Wurst

Es passiert häufig, dass wir die Zeitspanne über den Brunch hinaus bis zum Zvieri ausdehnen. Oder ich lasse mir für Zuhause etwas Gebäck oder Apfelkuchen einpacken. Bei Sonnenschein verquatschen wir uns auf der kleinen Terrasse oder lösen das «Magazin»-Kreuzworträtsel von Trudy Müller-Bosshard. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass wir dabei ziemliche Monokultur-Barbaren sind. Heisst, wir weichen nur selten von unseren kulinarischen Gewohnheiten im Le Puy ab.

Suesses - Brunch

Denn eigentlich würde das Bistro auch eine exzellente Weinauswahl bieten. Und abends dem Gaumen versiertere Feinkost-Spezialitäten aus dem Périgord anbieten. Da stechen beispielsweise das Confit de canard accompagné de sauce aux betteraves & raifort, Orange confite et pommes de terre risolées heraus oder die Langue de boeuf fumé à la sauce verte. Da ist bereits der Name des Gerichts ein Gedicht.

An einer kulinarischen Lesung im Le Puy konnte ich mich auch von der Qualität dieser Abendküche überzeugen. Martin Walker hat aus seinem neusten Bruno-Krimi vorgelesen, welchen ich lesefreudigen Gourmets generell ans Herz legen möchte, dazwischen gab es sechs passende Gänge aus dem Tal der Dordogne. Das war ein wahrliches Ferienkondensat von fünf Stunden, an denen ich mich gar ein bisschen in Frankreich wähnte. Seit über 20 Jahren fahre ich im Sommer nach Südfrankreich, jedoch kann ich an einer Hand abzählen, wie oft ich da unten auf diesem Niveau speisen konnte.

Was ich immer wieder gerne mache, ist ein kurzer mittäglicher Stop an der Forchstrasse. Ohne nach einer genaueren Spezifikation zu fragen, wähle ich jeweils die Tages-Quiche mit Salat. Für 21 Franken kaufe ich mir damit ein kleines bisschen Glück im Arbeitsalltag. Die Preise im Bistro sind sicherlich nicht ganz billig, aber auch als Mensch, der des Sparens in keinster Weise mächtig ist und somit auch nie viel besitzt, ist dieser häufige Glücksmoment für mich bezahlbar. Es ist eben alles immer eine Frage der Entscheidung, was mir im Leben wirklich etwas wert ist. Und da glaube ich, dass ich wöchentlich eine kluge Wahl treffe. Weil ich an Qualität, Genuss und Freundschaft glaube. Auch oder gerade als Atheist.

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Manuel Gamma

Manuel Gamma ist Journalist, Selbstverteidigungstrainer und Lyriker. Die Sinnlichkeit spannender Kulinarik ist ihm die grösste aller Zärtlichkeiten. Wenn die vollendete Ästhetik eines gefüllten Tellers seine Aufmerksamkeit fordert, verliert er sich gerne im stummen Gaumennirwana des Genusses. Seine Worte findet er nach seiner Rückkehr in reale Gefilde wieder hier...

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