„Vieles wird besser, das Michelangelo bleibt gut.“

Vieles hat sich in den letzten Jahren in der Gastronomie getan. Nicht zuletzt die Popup Kultur scheint neue Lokale und damit verbundene Konzepte wie Pilze aus dem Boden schiessen zu lassen. Doch nebst all den neuen Namen, welche die Restaurantlandschaft zieren, gehen oft die Lokale vergessen, welche sich über Jahre konstant bewährt haben.

Eines dieser „Urgesteine“ der Zürcher Gastronomie liegt gerade mal einen Steinwurf von meiner ehemaligen Jdaburg entfernt. 23 Jahre schon befindet sich in den Räumlichkeiten der ehemaligen Ämtlerhalle an der Gertrudstrasse im Kreis 3 das Restaurant da Michelangelo.

Michelangelo
Als ich die Jdaburg neu übernommen hatte, war mir dies wohl ein Begriff, jedoch hatte ich nicht die leiseste Ahnung, was sich in diesen vier Wänden Tag für Tag abspielte. Natürlich entging es mir nicht, dass in der Zeit, in welcher ich kurz nach 18 Uhr den letzten „Kontrollgang“ durch mein Lokal machte, dass „da Michelangelo“ bereits die Form eines Bienenhauses angenommen hatte und die Schlange der eintretenden Gäste kein Ende zu haben schien. Dennoch war aus der Ferne die Frage nach dem „Geheimnis des Erfolges“ nicht klar zu beantworten.

Michelangelo
Als ich eines Tages, zwecks Ausleihens einer Flasche Campari, zum ersten Mal diesen Ort betrat, bekam ich sofort des Rätsels Lösung. Der nostalgische Brunnen im Eingangsbereich, der steinerne Pizzaofen, aus welchem die rot-gelben Flammen zu fliehen versuchen, die spürbare Herzlichkeit und freundliche Begrüssung der Mitarbeiter, liessen mich gedanklich sofort die Reise nach Italien antreten. Und dies nahm nicht, wie man annehmen könnte, von Mal zu Mal ab. Nein, mit jedem einzelnen Betreten des „da Michelangelo“ wurde dieses Willkommen Sein und diese Wärme, das gute Gefühl, welches diese Räume vermitteln, noch stärker.

Michelangelo
Es ist nun mehr als ein Jahr her, dass ich mich von meinem Restaurant und somit auch von meinem gewohnten Alltag verabschiedet habe. Es war nicht einfach loszulassen, jedoch nicht ausschliesslich der Jdaburg wegen. Die Wehmut rührte noch aus einer anderen Ecke. Die Ecke, an der die Ämterhalle steht. Noch heute pflege ich eine schöne Beziehung zu all den lieben Menschen, welche darin seit Jahren, Tag für Tag Unglaubliches leisten und mit einer Engelsgeduld und viel Liebe diesen Betrieb seit Jahren so erfolgreich sein lassen.

Da ich nun das Privileg geniesse, einen Gastroblog für Best of Swiss Gastro schreiben zu dürfen, ist es mir ein Anliegen über das Michelangelo zu schreiben und zu versuchen, die Atmosphäre und den Genuss darin für Sie, meine Leser, spürbar zu machen. Um dieses Vorhaben umzusetzen besuche ich heute, ohne dasselbe zu kommunizieren, das Michelangelo erneut.

Für mich persönlich steht die Plattform Gastronomie stets auch im Zusammenhang mit Kommunikation, sozialen Aspekten und Teilen der kulinarischen Genüsse. Daher bin ich auch dieses Mal nicht alleine, sondern mit einer Freundin unterwegs und freue mich auf einen weiteren Abend in meinem zweiten Zuhause. Wie gewohnt werde ich trotz Hektik sehr herzlich begrüsst. Fast so, als wäre ein verlorenes Kind zurückgekehrt. Die Chefin begleitet uns persönlich zum Tisch und wir setzten uns hungrig und gespannt auf die einladenden Bistrostühle. Der Lärmpegel ist relativ hoch und die Nachbarn sind in greifbarer Nähe, was jedoch, wie sich bereits mehrfach herausstellte, sehr praktisch sein kann, wenn man unbemerkt an Salz, Pfeffer oder sogar eine neue Gabel gelangen möchte.

Nachdem wir die Karte erhalten und den bestellten Apéritif bereits auf dem Tisch stehen haben, werden wir sehr freundlichen nach unserer Bestellung gefragt. Es fällt mir auch dieses Mal schwer eine Auswahl zu treffen, zumal alle Speisen sehr verführerisch klingen und das Beiblatt mit den saisonalen Gerichten diese Tatsache noch zusätzlich erschwert. Ich beschliesse jedoch, meine Aufmerksamkeit heute ausschliesslich den „typisch“ italienischen Köstlichkeiten zu schenken. Meine Begleitung entscheidet sich für den Rucolasalat mit Parmesan (CHF 9.50) und anschliessend eine Pizza „alla romana“ mit Tomaten, Mozarella, Rohschinken, Mascarpone (CHF 23.50) und ergänzt diese auf eigenen Wunsch noch mit Spargeln (+ CHF 3) und Trüffelöl (+CHF 3).

Ich wähle zum Start eine halbe Portion Linguine con gamberoni mit Tomatenwürfeln, Peperoncini und Knoblauch (23.50) und als Hauptgang die hausgemachten Ravioli mit Steinpilzfüllung (29.50).

Die Weinkarte überzeugt durch eine Vielfalt schöner weisser, als auch roter Weine aus dem Raum Italien. Die Entscheidung überlasse ich jedoch wie gewohnt dem freundlichen Kellner und nehme, auf seine Empfehlung hin, eine Flasche ( 7.5dl) „Nero Assolutamente“, einen Merlot aus dem Veneto.

Die Zeit bis zum ersten Gang vergeht wie im Flug. Das Publikum ist sehr gemischt und es herrscht eine ausgelassene und fröhliche Stimmung, was auch atmosphärisch das typisch italienische erneut unterstreicht. Hier ist ein Geburtstagsgast sichtlich entzückt vom Ständchen der Kellner, da malen und verzieren zwei Kinder mit Buntstiften, welche sie zuvor bekommen haben, zufrieden ihre Tischdecke. Die Lebendigkeit in diesem Raum empfinde ich als eine wahre Freude.

Der erste Gang wird serviert. Bereits nach der ersten Gabel ist mir klar, dass auch an diesem Abend all meine Sinne verwöhnt werden. Beide Vorspeisen sind sehr grosszügig portioniert. Die hausgemachte Sauce am Rucolasalat ist so perfekt abgeschmeckt, dass ich, wenn mir mein Brot nicht den Vortritt genommen hätte, wohl selbst noch darin baden würde. Die Linguine sind auf den Punkt al dente, die Gamberoni knusprig angebraten und dennoch knackig. Die Pasta hätte für meinen Geschmack etwas schärfer sein dürfen, was aber sehr individuell ist. Auf Anfrage bekomme ich ohne Problem noch etwas von dieser feinen scharfen Sauce.

Michelangelo
Kurze Zeit später wird der Hauptgang serviert. Die Vorfreude hat sich gelohnt und meine Erwartungen werden auch dabei mehr als erfüllt. Die Pizza hat einen dünnen und knusprigen Boden und die Zutaten, der knackige Spargel und das Trüffelöl überzeugen sowohl geschmacklich, wie auch qualitativ. Eine Pizza wie aus dem Bilderbuch. Mit nichts zu übertreffen und somit zu meinen Favoriten ernannt, sind jedoch die hausgemachten Steinpilzravioli. Der Teig dafür wird laufend im da Michelangelo von einer ausserordentlich herzlichen Küchenmitarbeiterin hergestellt. Er ist dünn und nahezu seidig, die Steinpilzfüllung durch ihre Leichtigkeit und Geschmacksintensität ein wahres Gedicht. Die Salbeibutter, welche die Ravioli fein ummanteln, lassen dieses Gericht zu einer kulinarischen Perfektion werden.

Michelangelo

Auch die Weinempfehlung lässt nichts zu wünschen übrig. Ein runder, schwerer, lieblicher Wein, welcher den idealen Begleiter für unsere Speisen verkörpert und für CHF 56 betreffend Preisleistung mehr als überzeugt.

Als unser Kellner abräumt und sich sehr nett nach unserer Zufriedenheit erkundigt, nutze ich die Gelegenheit, um noch Genaueres über die unübersehbare Renovation des Lokales zu erfahren. Strahlend und offensichtlich stolz bestätigt er, dass das Restaurant vor kurzem renoviert wurde. Die weissen Wände und die hellgrau gestrichenen Täfer, die dunklen Holzstühle und allem voran das neue, warme Licht, welches aus den stilvollen Lampen erstrahlt, lassen das „da Michelangelo“ in jeder Hinsicht als schönes Lokal erscheinen.

Die kurz darauffolgende Frage nach „Dolci“ oder zu Deutsch Dessert, müssen wir leider mit Nein beantworten, da die Dehnungskapazität meines Bauches wirklich bis ins Letzte ausgeschöpft ist. Der kurze Blick auf die Karte lässt mich aber erahnen, dass wir auch da ohne Weiteres fündig und auf Grund des Erfahrungswertes auch sicher nicht enttäuscht worden wären.

Somit fällt mir der anschliessende Gang zur Türe in zweierlei Hinsicht schwer. Zum einen, weil mein Gehen eher einem kläglichen Rollen ähnelt, und zum anderen, weil ich am liebsten erneut am Anfang dieses Abends stünde und den gelungenen Ausflug in dieses kleine Stück Italien in mitten der Stadt Zürich von Neuem antreten könnte.

Anmerkung aus eigener Erfahrung als Wirtin

Das „da Michelangelo“ ist ein sehr beliebtes und stark frequentiertes Restaurant. Man muss unter Umständen, vor allem an den Wochenenden, etwas Geduld aufbringen und Verständnis haben, wenn ein Anruf zwecks Reservation nicht beim ersten oder zweiten Klingeln entgegengenommen werden kann. Zudem ist sicherlich hilfreich zu wissen, dass am frühen Abend ( 18.00-20.00Uhr) sehr viele Familien mit Kindern da sind, was natürlich einen gewissen Lärmpegel mit sich bringt. Ab 20 Uhr rutscht der Altersdurchschnitt gut und gerne 20 Jahre hoch.

Restaurant Da Michelangelo
Gertrudstrasse 37
8003 Zürich
Telefon 044 451 32 31

Öffnungszeiten

Montag 11.30 – 14 Uhr
Dienstag 11.30 – 14 / 18 – 23.30 Uhr
Mittwoch 11.30 – 14 / 18 – 23.30 Uhr
Donnerstag 11.30 – 14 / 18 – 23.30 Uhr
Freitag 11.30 – 14 / 18 – 23.30 Uhr
Samstag 18 – 23.30 Uhr
Sonntag Geschlossen
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Anne Tüscher

Anne Tüscher verfügt nicht nur über die längsten Wimpern der westlichen Hemisphäre, sie besitzt darunter auch zwei kritische Augen und einen geschulten, zarten Gaumen. Als langjährige Restaurantbesitzerin und Störköchin kennt sie alle Facetten der Gastronomie. Sie begegnet einem Lokal genau wie einem Menschen und lässt sich auf Individualität, Schönheit und Geschichte des jeweiligen Ortes ein. Sie findet Perfektion da, wo alle Sinne im Positiven geweckt und vereint werden. Wo das vielleicht geschehen ist, lest Ihr hier...

Anne Tüscher