Drei Freunde im Drei Stuben

Für mich persönlich ist eine der klügsten Fragen, die man sich stellen kann: Was ist mir etwas wert? Liebe, Freundschaft, Erfolg, Sex, Geld, diese Frage unterstützt mich immer dabei gute Entscheidungen zu treffen.

Natürlich unterstützt mich diese Frage auch bei der Wahl der richtigen Adresse für kulinarische Abenteuer mit Freunden. Einer der wenigen Betriebe in Zürich, die diese Frage für mich immer positiv bewertet, ist das Restaurant Drei Stuben. Fine Dining auf hohem Niveau. Die Preise erinnern zwar definitiv nicht an die Gassenküche, aber die Mehrausgaben haben sich in meinem Fall bisher immer gelohnt.

Für eines der mittlerweile raren Dates mit meinen sehr guten Freunden Anne und Matthias haben wir uns das Drei Stuben ausgesucht. Das bedarf einer kleinen Erklärung. Nachdem Anne über viele Jahre mein Lieblingsrestaurant Jdaburg verantwortet hatte, hat sie jetzt das Metier gewechselt und setzt zu einem Sturmlauf als Schauspielerin an. Heisst, sie lebt mittlerweile in Berlin und dreht Filme, was nicht mehr allzu viele Ausflüge ins gute, alte Zürich zulässt.

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Umso wichtiger ist natürlich die richtige Lokalwahl, um die seltene Gelegenheit einer wunderbaren Freundschaft stilgerecht auszuleben. Als ehemalige Gastronomin sind die Ansprüche von Anne zudem mindestens so hoch wie meine. Selbiges gilt für unseren gemeinsamen Freund Matthias. Als erfolgreicher Unternehmer mit relativ strikt durchorganisiertem Zeitplan soll die Qualitätszeit nicht durch suboptimale Gastfreundlichkeit verschwendet werden.

Mit der Wahl des Drei Stuben liegt man diesbezüglich selten daneben. Falls man bereit ist, etwas mehr zu bezahlen als beim Döner an der Ecke. Die Speisekarte weist viele Schweizer Klassiker auf, die langsam in Vergessenheit zu geraten drohen. Ich habe mich relativ schnell für Vorspeise gebackene Kalbsmilken auf Pommes Macaire mit karamellisierten Äpfeln entschieden. Die Kombination aus altehrwürdigen Milken mit einer Kartoffelvariante, die ich nicht kannte, und der süssen Fruchtnote der Äpfel gab den klaren Ausschlag.

Das Resultat war dann eher enttäuschend. Aber hier will ich nicht falsch verstanden werden. Es war enttäuschend, aber nicht langweilig. Die einzige Todsünde, die ein Gastrobetrieb wirklich leisten kann, ist Langeweile. Wenn ich mich für etwas Unbekanntes oder Gewagtes entscheide, so kann die Realität halt manchmal nicht mit meiner Erwartungshaltung mithalten. Das ist enttäuschend, aber auch nicht weiter schlimm.

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Die Panade um die Milken hat den Eigengeschmack abgeschwächt, was mein persönliches Gusto subotpimal empfand. Der Kontrast zu dem Kartoffelküchlein war somit auch nicht so gross wie erhofft, einzig die karamellisierten Äpfel gaben dem Gericht die Note, die ich mir eigentlich gewünscht hätte. Spannendes Gericht, nicht mein persönlicher Geschmack, shit happens. Und wie das Foto beweist, die Vorfreude war zumindest so gross, dass das Gericht bereits halb fertig verdaut war, bevor ich daran dachte ein Foto davon zu machen.

Mein Hauptgang hingegen hat mich dann wieder komplett mit meiner Lebenseinstellung versöhnt. Solche Erlebnisse sind jedes Geld der Welt wert. Das Duett vom Kalb (Filet und Bäggli) auf Petersilienwurzelcrème mit einer Rüeblivariation an Portweinsauce war schlichtweg ein Gedicht. Vor allem das Bäggli war einfach nur Weltklasse. Das ist in meinem gierigen Mund einfach so weggeschmolzen. Da will ich mich am liebsten mit dem ganzen Körper im Teller wälzen, das ist Porno für alle Sinne.

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Und genau das will ich, wenn ich auswärts essen gehe. Ein Abenteuer, ein Erlebnis, ein Sinnesrausch. Und das Gefühl, dass es noch möglich ist in unserer hochzivilisierten, ausdefinierten Welt ein kleines bisschen Neil Armstrong oder Kolumbus zu sein. Mein Entdeckermoment im Hauptgericht waren die schwarzen Rüebli, die Teil der Variation waren. Die bissfesten, leicht süssen „Früchtchen“ sind ein Hammer!

Fairerweise sei auch ein Wort zum Service verloren. Wir haben im Freundeskreis ziemlich über dessen Qualität diskutiert. Ich sage, der Service war Weltklasse, der Qualität des Essens angemessen. Professionell, präsent, gut informiert, nicht zu aufdringlich. Meiner Freundin Anne war er beinahe zu geschliffen, etwas zu sehr Hotelfachschule. So gibt es eben verschiedenste Meinungen, sogar unter Freunden.

Mir persönlich gefällt Professionalität letztlich einfach gut. Ich mag es, wenn ich von der Kompetenz des Personals in meinen Entscheidungen unterstützt werde. Dass der Service dabei noch als Stand Up Comedian agiert, ist zu meiner Zufriedenheit nicht nötig.

Auch die Weinkarte, beziehungsweise die damit einhergehende Beratung, liess keinerlei Wünsche offen. Da ich bereits einmal das Vergnügen hatte, ein achtgängiges Menü im Drei Stuben zu degustieren, bei dem jeder Gang durch einen passenden Wein ergänzt wurde, fiel es mir überhaupt nicht schwer die Verantwortung der Weinauswahl in die Hände des Personals zu legen. Kredenzt wurde uns dann ein Brunello di Montalcino 2010, der definitiv zu meinen Favoriten gehört. Ich bevorzuge herbe, robuste Weine mit intensiver Nase und harmonischem Abgang. Fairerweise sei gesagt, ich bin alles andere als ein Weinexperte. Aber ich bin weltweit führender Experte meines eigenen Geschmacks.

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Verfressen wie ich bin, habe ich mich nach dieser Hauptspeise auch noch zu einem Dessert verführen lassen. Das zartschmelzende Schoggiküchlein „Drei Stuben“ mit Sauerrahmglacé und Amarettokirschen reiht sich nahtlos unter meine positivsten Gastroerlebnisse ein. Ich komme schon wieder ins Schwärmen. Aber um die Lesefreudigkeit interessierter LeserInnen nicht noch stärker zu strapazieren, kann ich diese Erfahrung zusammenfassen: Sinnesrausch, Entdeckung, persönliche Glücksgefühl, Porno.

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Und zum Schluss stellt sich noch einmal die Frage, was mir solche Glücksgefühle wert sind. Ein Kalbsbäggli, schwarze Rüebli und ein Schoggiküchlein, die meine Sinne zum schwelgen bringen. Meine Antwort ist eindeutig. Nicht nur die ungefähr 120 Franken persönlicher Anteil an der Rechnung, sondern eigentlich jedes Geld der Welt, inklusive einer kleineren Enttäuschung bei der Vorspeise. Mit einem überdurchschnittlich guten Espresso und einem fantastischen Grappa ist letztere sowieso bereits kompensiert worden.

Restaurant Drei Stuben

Beckenhofstrasse 5
8006 Zürich
+41 44 350 33 00
info@dreistuben.ch
Weitere Informationen über das Drei Stuben finden Sie hier.

Öffnungszeiten

Mo – Fr: 11:00 – 15:00 / 17:00 24:00
Samstag: 17:00 – 24:00
Sonntag: geschlossen



Manuel Gamma

Manuel Gamma ist Journalist, Selbstverteidigungstrainer und Lyriker. Die Sinnlichkeit spannender Kulinarik ist ihm die grösste aller Zärtlichkeiten. Wenn die vollendete Ästhetik eines gefüllten Tellers seine Aufmerksamkeit fordert, verliert er sich gerne im stummen Gaumennirwana des Genusses. Seine Worte findet er nach seiner Rückkehr in reale Gefilde wieder hier...