Pilzwiderstandsfähige Sorten erobern den Bioweinbau

In den Schweizer Rebbergen machen sich sogenannt pilzwiderstandsfähige Sorten (Piwi) breit. Damit soll der Weinbau ökologischer werden. Ob die alten und neuen Sorten über die Zeit gegen Pilzbefall resistent bleiben, ist ungewiss.

«Am 13. Juli 2021 haben wir beschlossen: Wir werden ab Jahrgang 2021 keinen Wein mehr anbieten, der von europäischen Traubensorten stammt», sagt der Winzer Roland Lenz. Was ist geschehen? Das Unwetter, das in dieser Nacht auch über seine Rebberge am Thurgauer Iselisberg fegte, hinterliess ein Bild des Schreckens. Die Wucht der Hagelkörner hatte die Reben bis ins Mark zerfleddert. Doch nicht genug der Zerstörung. Es folgten fünf regenreiche Tage und in der Folge massiver Pilzbefall. «Vor allem bei den europäischen Sorten geschah dies explosionsartig: Die Traubenzone von Merlot oder Grünem Veltliner war weiss, und wir entschieden uns Ende Monat, die Stöcke auszureissen. Piwis hingegen vermochten ihre Abwehrkräfte zu mobilisieren.»

Schluss mit den euro­päischen Sorten
Aufgrund dieses Ereignisses gab Lenz sein letztes Zögern auf und setzt seither alles auf eine Karte: Er verabschiedet sich definitiv von den europäischen Sorten Pinot noir und Riesling-Silvaner, wie sie den Thurgauer Rebbau nach wie vor prägen. Fortan will er ausschliesslich mit pilzwiderstandsfähigen Sorten arbeiten. Dafür müssen noch zwei der insgesamt 21 Hektaren neu bestockt werden.

Der grösste Deutschschweizer Bioweinbetrieb geniesst weit über die Region hinaus einen guten Ruf. Die Weinfachzeitschrift Vinum schreibt: «Es gibt je länger, je mehr Ausnahmeerscheinungen in der Schweizer Bioweinszene, nämlich Winzer, die mit grosser Kontinuität über Jahre qualitativ Hervorragendes leisten. Dazu gehören ganz besonders Karin und Roland Lenz in Iselisberg, die 2015 und 2018 als ‹Schweizer Biowinzer des Jahres› gekürt wurden.» Lenz ist Präsident des Vereins «Piwi-CH», dieser wiederum ist Teil von «Piwi international» mit rund 600 Mitgliedern. Für den Thur­gauer Winzer sind pilzwiderstandsfähige Sorten wegweisend für die Zukunft des Weinbaus, ganz gewiss für den Ort, wo er Reben kultiviert, aber auch anderswo. «Im Vergleich zu den hier traditionell angebauten Sorten brauchen wir mindestens die Hälfte weniger Hilfsstoffe, Handarbeit und Durchfahrten im Rebberg.»

Divico – der neue Piwi-Star
Dies ist Folge erhöhter Pilzwiderstandsfähigkeit von Sorten mit Namen, die in vielen Ohren noch fremd klingen: Maréchal Foch, Cabernet Jura, Pinotin. Zwar kann nicht bei allen in jedem Jahr komplett auf Spritzungen von Kupfer verzichtet werden, aber die benötigten Mengen liegen immer wesentlich tiefer als bei den üblicherweise angebauten Sorten. Lenz ist längst nicht mehr der einzige Schweizer Winzer, der mit ausgeprägt pilzresistenten Sorten versucht, den Weinbau ökologischer zu gestalten. Und es gelingt ihm immer öfter, mit Cuvées etwa aus Souvignier gris, Muscat bleu und Solaris Weine abzufüllen, die auch bei einem breiten Publikum auf Zustimmung stossen.

Während Varietäten wie Maréchal Foch und Léon Millot schon vor über 100 Jahren gezüchtet wurden, entstand in den letzten Jahrzehnten und Jahren eine Vielzahl neuer Kreuzungen. Einer der Stars heisst Divico. Ihn hat federführend Jean-Laurent Spring von Agroscope in Changins entwickelt. Spring hat auf die rote Sorte Gamaret zugegriffen, die 1970 ebenfalls an der Westschweizer Forschungsanstalt Changins aus einer Verbindung von Gamay und Reichen­steiner entstanden war, sowie auf die weisse Sorte Bronner, eine pilzwiderstands­fähige Kreuzung des Staatlichen Weinbau­instituts in Freiburg im Breisgau. Heute, neun Jahre nach der Einführung, stehen bereits 54 Hektaren mit Divico im Ertrag. Dies vor allem in der Westschweiz. Topprodukte stammen von der Do­maine de Chambleau in Colombier und von Blaise Duboux in Epesses, beide Betriebe zählen zur Schweizer Elite.

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