«Tutti Frutti reicht nicht mehr»

Alkohol büsst seinen Coolness-Faktor zuneh­mend ein. Aufregende alkoholfreie Drinks auf der Karte zu haben, ist darum heute alles andere als eine Schnapsidee.

Ganz nüchtern betrachtet: Wer in einer Runde von Gin-Tonic-Trinkern an einer Cola oder (noch schlimmer) einem Wasser nippt, fühlt sich meist ziemlich fehl am Platz. Ich schwör. Da kommen dann manchmal jede Menge komischer Fragen. Und auf wahrheitsgetreue Antworten, warum man auf Alkohol verzichte (der Gesundheit wegen zum Beispiel), gibt’s dementsprechend komische Reaktionen. Bis vor kurzem zumindest.

Alkoholfreie Anfänge
Im Sinne eines gesunden Lebensstils reduzieren viele Menschen auch ihren Alkoholkonsum, was alkoholfreien Getränken einen zusätzlichen Schub beschert. Neben Altbewährtem wie alkoholfreiem Bier gibt’s immer mehr alkoholfreie Spirituosen – Angebot und Markt für Gin-, Rum- oder Aperitif-Alternativen wachsen ständig. Zugegeben: Die Idee von alkoholfreien Spirituosen ist nicht neu. Der Whiskyersatz «Whissin» existiert schon seit 20 Jahren. Als Pionier der alkoholfrei destillierten Spirits, kurz ADS, gilt aber Ben Branson; ein konsequenter Antialkoholiker, der in Bars nicht mehr nur Cola oder Wasser, sondern genauso spannende Drinks wie seine Freunde trinken wollte. Er studierte alte Apothekerbücher, lernte alles über Mazeration und Destillation und brachte im November 2015 den «Seedlip Spice 94» im Londoner Stadtteil Selfridges auf den Markt. Die ersten tausend Flaschen waren innerhalb von drei Wochen ausverkauft, die zweiten tausend in drei Tagen und das dritte Tausend online innerhalb von 30 Minuten.

Mehr als ein Hype
Dass das Unternehmen Diageo, dem die Marken Smirnoff, Johnnie Walker und Guinness gehören, Seedlip 2019 für eine ungenannte Summe gekauft hat, ist nicht das einzige Indiz dafür, dass alkoholfreie Spirituosen mehr als ein Hype sind. Bacardi hat das Angebot seiner Tochter Martini um zwei alkoholfreie Aperitifs ergänzt und prognostiziert in seinem Cocktail-Trend-Report 2021, dass sich die Umsätze mit alkoholfreien und nur wenig Alkohol enthaltenden Spirituosen in Westeuropa bis 2024 verfünffacht. Der Trend spreche nicht nur Nichttrinker, sondern auch all jene an, die einfach eine grössere Vielfalt suchten und achtsamer trinken wollten.

Gesunde Alternative aus der Schweiz
Für Vielfalt auf diesem Markt sorgt auch «Rebels 0.0%». Das Start-up brachte im Frühjahr 2021 als erste Schweizer Marke alkoholfreie Spirituosen auf den Markt. In den für Mixgetränke konzipierten Gin-, Rum- und Aperitif-Alternativen finden sich weder Alkohol noch künstlicher Zucker. Auf die zwei wichtigsten Geschmacksträger zu verzichten, war für Christof Tremp und Janick Planzer ein bewusster Entscheid. Auch wenn sich die beiden das Leben anfänglich nicht einfach machten. «Die Entwicklung der Getränke war insofern herausfordernd, als wir nirgends nachlesen konnten, wie so etwas geht», sagt Tremp. Fast ein Jahr lang tüftelten die «Rebels» mit Hilfe von Lebensmitteltechnologen, bis sie die Geschmäcker erreicht hatten, die ihnen vorschwebten. Destilliert werden die drei Alternativgetränke im Kanton Wallis, «und zwar in einem Doppel-Destillier-Verfahren», sagt Tremp. Indem man die sogenannten Botanicals, also die beigefügten Gewürze, zweimal mitdestilliere, erhalte man selbst ohne Alkohol intensive Aromen.

Kunden zahlen mehr für Qualität
Der Mix aus Geschmack und Schweizer Produkt hat Dirk Hany von der Zürcher «Bar am Wasser» bewogen, mit Rebels-Alternativen seine ersten 0%-Spirituosen-Drinks zu mixen. Ein weiterer Grund war, dass die Pandemie die Trinkgewohnheiten verändert hat. «Früher konnte man Gästen einen Mocktail aus Fruchtsäften und Grenadine-Sirup servieren – heute reicht dieses Tutti Frutti nicht mehr.» Gesundheitsbewusste Gäste möchten dennoch nicht auf Geschmack und Abwechslung verzichten. «Und wenn man ihnen beides bietet, sind sie auch bereit, mehr für Qualität zu bezahlen.»

Natürlich stellt sich die Frage, warum es überhaupt alkoholfreie Varianten von klassischen Drinks geben muss. Das mutet entfernt an das Prinzip veganer Schnitzel aus Pflanzenfasern an. Warum versucht man auf Teufel komm raus, ein Produkt zu kopieren, für das die entscheidende Zutat fehlt? Wäre es da nicht besser, etwas Neues zu entwickeln? Zudem gibt es bereits alkoholfreie Alternativen, die mit Gin oder Rum nichts zu tun haben.

Auch ohne mit dabei
Doch Dirk Hany findet, die Psychologie dahinter sei ein wichtiges Argument für alkoholfreie «Alkoholika». Diese bieten sich einerseits für Gäste an, die noch fahren müssen. Aber eben auch für jene, die sich nicht ausgegrenzt fühlen wollen. «Wenn fünf Leute Gin Tonic trinken und du trinkst eine Cola, gehörst du irgendwie nicht dazu. Mit einem alkoholfreien Gin Tonic ist das ein anderes Gefühl», sagt der Barchef. Sag ich doch!

Text Michaela Ruoss
Fotos zvg

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